Über Freund und Feind der Pflanzen

Was könnte friedlicher erscheinen als ein Sommergarten mit seinen leuchtenden Blüten, dem Duft des Wachstums, dem Summen der Insekten, dem Gesang der Vögel, dem Schaukelflug der Schmetterlinge? Doch die Wissenschaftler finden immer mehr Anzeichen dafür, dass hinter der äußerlichen Geruhsamkeit ein heftiger Kampf ums Überleben tobt. Die Pflanzen setzen speziell entwickelte chemische Stoffe ein, um sich gegen Feinde zu verteidigen oder dringend benötigte Verbündete zu gewinnen. Die noch junge Wissenschaft der Allelopathie, die untersucht, wie Pflanzen Chemikalien gegen andere Pflanzen verwenden, stellt fest, dass die Schlacht mit raffinierten Mitteln geschlagen wird.

Betrachten wir die Welt einmal vom Pflanzenstandpunkt aus. Die meisten anderen Lebewesen können gehen, fliegen, schwimmen oder kriechen, wenn sie einer Gefahr auweichen wollen oder Nahrung suchen. Pflanzen sind dagegen an einem Ort verwurzelt. Aber nur sie sind in der Lage, die Sonnenenergie zur Erzeugung von Nahrungsstoffen zu nutzen, und so ernähren sich alle übrigen Lebewesen von der Mikrobe bis zum Menschen entweder von Pflanzen oder Geschöpfen, die sich von Pflanzen ernähren. Um trotzdem überleben zu können, haben sich die Pflanzen allerlei Hilfen und ein ganzes Arsenal von Waffen wie Dornen, Stacheln und eine imponierende Zahl chemischer Abwehrstoffe geschaffen.

Zu solchen Substanzen zählen die Phytotoxine (Pflanzengifte). Oleander ist so giftig, dass ein Mensch an einem einzigen Blatt sterben würde. Die Beeren der Mistel können eine Kuh töten, und das gilt für viele andere bekannte Pflanzen wie Rittersporn, Stechapfel, Adlerfarn oder Hahnenfuß.

Man hat mittlerweile entdeckt, dass die Mehrzahl der Pflanzen Herbizide  gegen andere Pflanzen und Insektizide gegen eine oder mehrere Insektenarten erzeugt. Um im Gartendschungel erfolgreich zu sein, braucht die Pflanze einen Feind allerdings nicht gleich zu töten. Oft genügt es, wenn sie ihn schwächt, ihn dadurch abschreckt und sich auf diese Weise schützt. Der Tabakstrauch produziert Nikotin, ein so kräftiges Insektizid, dass ein Hauch davon eine Blattlaus lähmen kann. Eichen, Kiefern und viele andere Gewächse enthalten in Blättern oder Nadeln Gerbsäure, die im Magen von Pflanzenfressern Enzymveränderungen hervorruft mit der Folge, dass die Blätter oder Nadeln schwer zu verdauen sind. Je mehr Eichenblätter ein Insekt frisst, desto weniger Nahrung kann sein Verdauungssystem daraus frei machen.

Gefahrvolle Reise. In der freien Natur muss die Pflanze mehr tun als ihre Feinde vertreiben, betäuben oder töten. Allein zur Vermehrung ist sie auf die Hilfe anderer angewiesen. Um solche Helfer anzuziehen, hat sie schon vor Jahrmillionen bunt leuchtende und gemusterte Blüten und unwiderstehliche Düfte hervorgebracht. Heute weiß man, dass viele Pflanzendüfte identisch sind mit Pheromonen, Duftsignalen, wie sie Insektenweibchen aussenden, um Männchen anzulocken. Durch Nachahmen solcher Gerüche rufen Blüten Insekten herbei, die dann ihren Blütenstaub zu anderen Blüten ihrer Art tragen und so die Chancen zur Fortpflanzung erhöhen.

Ist die Blüte durch die hilfreichen Insekten bestäubt, so wirft sie die Blütenblätter ab, und in vielen Fällen wächst eine Frucht mit den Samen der Pflanze heran. Das schmackhafte Samenpaket zieht Vögel, Säugetiere oder auch Menschen an. Sie tragen die Frucht oft weit von der Pflanze fort, so dass nicht alle neuen Samen um dieselben Nährstoffe, Sonnenstrahlen und Feuchtigkeitsanteile konkurrieren müssen.

Angenommen, bei der Frucht handelt es sich um eine Beere. Ein Vogel pickt sie auf, verschluckt sie und fliegt davon. Später setzt er die hartschaligen, unverdaulichen Samen in einem Dunghäufchen ab, das ihnen das Wachsen erleichtert.

Was schützt die Samen außer der mehr oder weniger harten Schale, die sie umschließt? Oft ist es ein Gift, etwa Blausäure, wie sie sich in Apfel-, Aprikosen- oder Pfirsichkernen findet. Werden die Samen weggetragen, so müssen sie gegen unzählige Räuber bestehen. Aber die Nahrung suchenden Vögel und Vierbeiner merken rasch, daaa giftige Samen unbekömmlich sind.

So werden die Samen zwar verbreitet, doch im Boden warten neue Gefahren: Bakterien und Pilze (kleine pflanzenähnliche Organismen, die, da ohne Blattgrün, ihre Nahrung nicht selbst herstellen können). Pilze ernähren sich von Pflanzen und abgestorbenen Pflanzenteilen und würden sich, wenn sie könnten, über die Samen hermachen. Doch die Samen vieler Pflanzenarten enthalten starke Fungizide, die die Zellwände von Pilzen zersetzen können_ Auch Bodenbakterien sind gefährliche Feinde der Pflanzen und ihrer Samen. Aber manche Pflanzen verfügen über komplizierte, auf Bakterien tödlich wirkende Substanzen, von denen der Mensch einige als Antibiotika nutzt.

Pflanzensamen werden auch von Bäumen und anderen Pflanzen in der Umgebung bedroht. So gibt das ausladende Wurzelwerk des Walnußbaums Juglon ab, ein Phytotoxin, das das Wachstum von Tomaten und Kartoffeln, Apfelbäumen und Luzernen hemmt. Es ist kein allgemein wirkendes Gift, denn bestimmte Bohnenarten gedeihen seltsamerweise auf juglonhakigen Böden. Als die ersten Eukalyptusbäurne in Europa auftauchten, beobachteten Botaniker, daß unter ihnen nur wenige Pflanzen wuchsen. Von ihren Blättern tropften Stoffe, die für viele andere Pflanzen giftig sind. In ihrer Heimat Australien haben sie sich häufig dem Eukalyptus angepasst und sprießen unter seinen Zweigen.

Konfrontation und Kooperation. Wenn Feuer oder andere Gewalten die Pflanzendecke vernichtet haben, kann man beobachten, dass ganz bestimmte Pflanzen aufeinanderfolgen. Als erste siedeln sich Unkräuter an, deren Stoffwechselprodukte die meisten rivalisierenden Pflanzen in Schach halten. Nach zwei Jahren schleichen sich Gräser ein, ersticken mit anderen hemmenden Substanzen die Unkräuter und setzen sich an ihre Stelle. Im Lauf von etwa 40 Jahren müssen die Gräser den Königen der Pflanzenwelt, den Bäumen, weichen. Die langsam wachsenden Bäume werfen ihren Schatten allmählich auf Nebenbuhler und schneiden sie von den Sonnenstrahlen ab. Und Obstarten wie Pfirsich-, Apfel- oder Zitrusbäume schütten so starke chemische Hemmstoffe in den Boden aus, dass man auf demselben Grund nicht einmal die gleichen Sorten anbauen kann.

Je tiefer man in die Geheimnisse des Pflanzenlebens eindringt, umso deutlicher wird aber auch, dass in der grünen Welt Kooperation so wichtig ist wie Konfrontation. Das gilt sogar für ihre größten Vertreter. Nach Untersuchungen des Zoologen und Chemikers David L. Rhoades von der Staatsuniversität von Washington in Seattle gibt es Hinweise darauf, dass manche Weiden und Erlen nach dem Befall durch Spanner- und Gespinstmottenraupen alle Artgenossen in der Nähe auf irgendeine Weise chemisch vor einem Angriff warnen. Die Bäume reagieren, indem sie ihren Stoffwechsel ändern und mehr Gerbsäure in Blätter und Zellgewebe schicken, um die hungrigen Schädlinge abzuschrecken. Andere Bäume produzieren Wachstumshormone für Insekten und stören damit den Fortpflanzungszyklus ihrer Feinde.

Anhänger des organischen Landbaus glauben seit langem, dass manche Pflanzen gern zusammen mit anderen stehen, andere dagegen nicht. Jetzt, entdeckt auch die Forschung, dass an diesen alt überlieferten Ansichten etwas Wahres sein könnte. Tagetes sondern tatsächlich Stoffe ab, die Fadenwürmer – winzige, im Boden lebende Schmarotzer – töten; und Gurken hemmen durch Pflanzengifte das Wachstum von Unkräutern in ihrer Umgebung und vernichten wie Tomaten, Kartoffeln und Möhren viele Bakterien und Pilzarten.

Im grünen Dschungel geht es also nicht so friedlich zu, wie wir einst angenommen haben. Dennoch leben hier die verschiedensten Gattungen miteinander und überdauern und gedeihen dank einem Gleichgewicht zwischen Abwehr- und Bündnissystemen. Das ist so seit der Milliarde oder mehr Jahre, als das Leben auf unserem Planeten seinen Anfang nahm. Allmählich begreifen die Wissenschaftler, dass das von der Natur geschaffene Kräftegleichgewicht dem Paradies weit näherkommt als das Ungleichgewicht, das der Mensch mit seinen Massenvernichtungsmitteln und sonstigen eitlen Bemühungen verursacht hat. Übrigens: Wer sich näher mit einigen der hier beschriebenen Pflanzen beschäftigen möchte, findet diese in einem gut sortierten Pflanzenshop.